Alltagssprache und Umgangssprache

Aleksandra

Juli 16

Ist dir schon aufgefallen, dass die Nachrichten im Fernsehen mit vielen komplizierteren Wörtern gesprochen werden als zum Beispiel eine Comedy-Show? Oder dass du Menschen, die du relativ gut kennst, viel besser verstehst als die Behördenmitarbeiter? Glückwunsch: Du hast den ersten Schritt zur Unterscheidung zwischen verschiedenen Sprachformen gemacht! Das, was dir am leichtesten zu verstehen fällt, wird höchstwahrscheinlich in der Alltagssprache (auch Umgangssprache genannt) gesprochen.

Was ist Alltagssprache?

Bei dem Begriff „Alltagssprache“ handelt es sich um ein Kompositum, das aus den Substantiven „Alltag“ und „Sprache“ besteht. Es ist also eine Sprache, die wir jeden Tag im Alltagsleben sprechen. Egal, ob jung oder alt: Sie ist für alle verständlich und ermöglicht die Kommunikation zwischen den Menschen. Man kann diese Sprache auch als „Umgangssprache“ bezeichnen, weil wir mithilfe dieser Sprachform miteinander „umgehen“. In diesem Artikel werden die beiden Begriffe synonym verwendet. Die Alltagssprache gehört zum informellen Sprachstil, weil man in dieser Sprachform keine wissenschaftlichen Vorträge oder offiziellen Briefe schreibt, sondern miteinander jeden Tag kommuniziert.

Achtung: In Deutschland gibt es zwar eine normierte Standardsprache (=Hochdeutsch), jedoch keine einheitliche Alltagssprache. Je nach Regionen, Alter und Sozialschichten können Menschen ihre eigene Umgangssprache mit unterschiedlichem Wortschatz, Satzbau, Abkürzungen und so weiter verwenden.

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Umgangssprache hilft dir dabei, im Alltag mit Menschen leichter ins Gespräch zu kommen.

Unterschied zwischen Alltagssprache & Fachsprache

Im Vergleich zu den anderen Sprachvarietäten1 wie zum Beispiel Fachsprache, Dialekte und Hochdeutsch ist die Umgangssprache informell und weniger komplex.

Während die Umgangssprache der Verständigung aller Menschen dient, wird die Fachsprache nur zum Austausch unter Fachleuten verwendet. Dabei gibt es im Fachwortschatz komplizierte Begriffe, die nicht für alle verständlich sind. An dieser Stelle ist die Alltagssprache ein sehr gutes Hilfsmittel! Damit man Fachsprache überhaupt verwenden und die komplexen Wörter verstehen kann, versucht man meistens zunächst in der einfachen Sprache diese Sachverhalte2 nachzuvollziehen. Sobald man in der Alltagssprache verstanden hat, worum es bei einem Phänomen überhaupt geht, kann man sich die Fachbegriffe viel einfacher merken.

Tauchen wir mal in die Welt der Chemie ein: Kannst du dir unter den Begriffen “sublimieren” und “resublimieren” etwas vorstellen? Nicht viel, oder? Lass uns diese Begriffe umgangssprachlich klären. Sublimieren bedeutet, wenn ein fester Stoff zu einem gasförmigen Stoff wird. Wenn zum Beispiel ein Eiswürfel zu Wasserdampf wird. Resublimieren ist derselbe Prozess, nur umgekehrt: Aus einem gasförmigen Stoff wird ein fester Stoff. Eigentlich ganz einfach, nicht wahr?

In der Umgangssprache wird im Vergleich zur Fachsprache in privaten, informellen Situationen miteinander kommuniziert. Aber auch Smalltalks finden meistens in der Alltagssprache statt. Die Fachsprache dient hingegen dem Austausch unter den Fachleuten in bestimmten Fachbereichen. Im eben verlinkten Artikel erfährst du, wie man mit nur fünf einfachen Schritten den perfekten Small Talk führen kann.

Alltagssprache – die wichtigsten Merkmale

Wie alle anderen Sprachformen ist auch die Alltagssprache durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet. Höre irgendwann mal den Menschen zu, wie sie sich im Alltag unterhalten und versuche ihre Alltagssprache zu analysieren. Treffen die unten aufgelisteten Merkmale auf sie zu? Die Sprache zu analysieren kann bestimmt eine sehr spannende Erfahrung werden.

Merkmal 1 der Alltagssprache – Satzbau in der Umgangssprache

Im Prinzip ähnelt der Satzbau der Standardsprache. Die Sätze in der Alltagssprache können jedoch kurz und einfach ausgesprochen werden. Außerdem kann man manchmal eine fehlerhafte Stellung der Satzglieder heraushören. Ein Beispiel: Die Satzglieder im Nebensatz „Ich fahre mit der U-Bahn, weil das praktisch ist.“ sind korrekt positioniert. In der Umgangssprache kann man oft folgende Anordnung der Satzglieder im Nebensatz beobachten: „Ich fahre mit der U-Bahn, weil das ist praktisch.

Merkmal 2 der Umgangssprache – viele Füllwörter

Sie kennst du bestimmt! Das sind Wörter, die nicht so aussagekräftig sind und oft keine Bedeutung haben. Bei einer alltäglichen Unterhaltung benutzen wir sie sehr häufig! Das bekannteste Füllwort ist dir wahrscheinlich auch aus deiner Muttersprache bekannt: “Ähm” oder “Äh”. Dieses Wort setzt man bei einem Gespräch oft in den Denkpausen ein. Weitere Füllwörter sind halt, eh, sowieso, eben… die Liste ist echt lang!

Merkmal 3 der Alltagssprache – grammatikalische Fehler

Beim Sprechen in der Umgangssprache können grammatische Fehler entstehen. Den fehlerhaften Satzbau habe ich bereits erwähnt. Ein weiteres Beispiel ist die fehlerhafte Verwendung des Genitivs. Häufig kann man statt “wegen des Autos” “wegen dem Auto” hören. Der Genitiv wird also durch den Dativ ersetzt. Und das ist definitiv falsch! Hier lässt sich allerdings erwähnen, dass im deutschen Sprachgebrauch der Genitiv immer mehr an seiner Bedeutung und dementsprechend Verwendung verliert. Trotzdem sollte man den Genitiv richtig verwenden.

Noch ein Beispiel: Vielleicht hast du schon häufig “zumindestens” oder “einzigster” gehört? Die beiden Wortformen sind aber leider falsch. Und dieser Fehler ist genauso oft unter den deutschen Muttersprachlern verbreitet wie die falsche Verwendung des Genitivs. Beim Wort “zumindestens” setzten die Deutschen einfach zwei Wörter zusammen: Zumindest + mindestens. Das ist natürlich nicht korrekt und man sollte entweder “zumindest” oder “mindestens” sagen. Die beiden Wörter haben ja dieselbe Bedeutung. Und mit dem “einzigster” meinen die Menschen “einziger”. 🙂

Merkmal 4 der Umgangssprache: Wiederholung & präziser Wortschatz

Häufige Wiederholungen sind für die Umgangssprache ebenfalls typisch. Es werden sowohl einzelne Wörter als auch ganze Sätze wiederholt.

Die Wortwahl ist möglichst konkret, sodass der Redner ohne groß “um den heißen Brei herumzureden”3 schnell und präzise einen Sachverhalt schildert. Beim wissenschaftlichen Schreiben oder Sprechen wird beispielsweise dagegen oft zunächst über Sachen geredet, die auf den ersten Blick mit dem eigentlichen Thema nicht viel zu tun haben. Die Redner oder Autoren führen uns somit zum Thema des Vortrags langsam hin, bevor sie etwas konkret vorstellen. Übrigens, “um den heißen Brei herumreden” ist eine Redewendung. Wenn du mehr über Redewendungen erfahren möchtest, schaue dir diesen spannenden Blog-Artikel an!

Merkmal 5 der Alltagssprache – kurze Ausdrucksweise

Meistens werden umgangssprachliche Äußerungen kurz und knapp gehalten. Außerdem werden die Sätze oft nicht vollständig ausgesprochen – ein paar Wörter, vor allem am Ende eines Satzes, können ausgelassen werden. Natürlich lässt sich die Länge eines Ausdrucks nicht pauschalisieren4: Es hängt meistens von dem Charakter und der Persönlichkeit ab, wie viel und wie lange man spricht.

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Umgangssprache & Alltagssprache machen zwischenmenschliche Gespräche oft persönlicher und intimer. Du wirkst weniger emotional distanziert.

Alltagssprache – praktische Beispiele

Im alltäglichen Sprachgebrauch verwenden wir umgangssprachliche Ausdrücke, die sich von der Standardsprache unterscheiden. Als Erinnerung: Die Standardsprache oder auch Hochdeutsch ist die in Deutschland normierte, standardisierte Sprachform, die auch als Amtssprache bezeichnet wird. Wenn du mehr über diese und andere Sprachformen erfahren möchtest, kannst du gerne den Artikel Sprachstile lesen.

Unten habe ich einige alltägliche Ausdrücke mit ihrer „Übersetzung“ in die Standardsprache zusammengestellt. Schaue dir die Liste an: Kommt dir vielleicht die eine oder andere Ausdrucksweise bekannt vor?

  • „Kohle“ = Geld
  • „bescheuert“ = verrückt
  • „schummeln“ = unehrlich handeln
  • „Mach dich locker!“ = Entspanne dich!
  • „düsen“ = sich schnell fortbewegen
  • „checken“ = nachschauen, prüfen (in diesem Falle liegt übrigens ein Anglizismus vor, der es in unsere Alltagssprache geschafft hat)

Lust auf eine Denkaufgabe? Bitteschön:

Hast du eine Idee, wie die umgangssprachlichen Ausdrücke „verkopft sein“, „schmeißen“ und „Kumpel“ in der Standardsprache heißen? Spoiler-Alarm: Im nächsten Satz gibt es die Auflösung!

“Verkopft sein” heißt in der Standardsprache “rational denken”, “schmeißen” heißt “werfen” und “Kumpel” heißt “Freund”.

Gibt es vielleicht in deiner Muttersprache Unterscheidung zwischen verschiedenen Sprachformen wie zum Beispiel Umgangssprache und Standardsprache? Teile uns das in den Kommentaren mit! 🙂

alltagssprache faq

Wortschatz

  1. Sprachvarietät (die): eine Sprachform, zum Beispiel Dialekt oder Standardsprache.
  2. Sachverhalt (der): eine Angelegenheit.
  3. Um den heißen Brei herumreden“: Diese Redewendung verwendet man, wenn ein Sprecher von vielen unnötigen Sachverhalten spricht, die mit dem eigentlichen Thema nichts zu tun haben.
  4. pauschalisieren: verallgemeinern.
Was ist Alltagssprache?

Das ist eine Sprachform, in der sich die Menschen im Alltag unterhalten.

Was sind Merkmale der Umgangssprache?

1) kurze Sätze; 2) Abweichungen von der Standardsprache; 3) Füllwörter; 4) unvollständige Sätze.

Beispiele aus der Umgangssprache

“Kohle” sagt man in der Umgangssprache zu “Geld”. “Düsen” bedeutet, sich schnell fortzubewegen. “Schmeißen” steht für werfen.


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Artikel von:

Aleksandra

Hinter dem Polarkreis aufgewachsen und Lehrerin aus Leidenschaft. Ich liebe Deutsch und die Berge!

  • Dieser Artikel gefällt mir sehr. Ich bin der Meinung, dass man sehr gut von diesem tollen Blog profitieren kann. Ich bedanke mich sehr bei Maria und der Verfasserin dieses Artikels Aleksandra. 🙂

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