Aussprache

Lisa

Juni 22

Jeder hat beim Sprachenlernen seine Stärken und Schwächen. Zählt die deutsche Aussprache zu deinen Schwächen? Vielleicht hast du schon fast das Ziel aufgegeben, akzentfrei Deutsch sprechen zu können. Aber auch wenn du dir schon Fehler angewöhnt hast, ist es noch lange nicht zu spät! Um effektiv deine Aussprache zu verbessern, solltest du dein theoretisches Grundwissen überprüfen. Die Theorie hilft dir dabei, die Regeln der deutschen Aussprache besser zu verstehen und anzuwenden. Starten wir also mit einem kurzen theoretischen Aussprache-Crashkurs!

Kann man Deutsch Buchstabe für Buchstabe aussprechen?

Was wir als Erstes klären müssen: Wir sprechen deutsche Wörter nicht Buchstabe für Buchstabe genauso wie im deutschen Alphabet aus. Das ist dir bestimmt schon in der ersten Deutschstunde aufgefallen. Zwar ist der Zusammenhang zwischen Buchstaben und ihrer Aussprache in deutschen Wörtern viel transparenter1 als zum Beispiel im Englischen. Trotzdem zeigen uns die Buchstaben in einem Wort nicht ganz genau an, welche Laute wir in unserem Mund produzieren müssen, um die richtige Aussprache für das Wort zu erhalten. Als “Laute” bezeichnet man die Geräusche menschlicher Kommunikation. Sie werden in der Wissenschaft der Phonetik untersucht, einem Zweig der Sprachwissenschaft. Deswegen spricht man anstelle von “deutscher Aussprache” auch oft von “deutscher Phonetik“.

Deutsche Lautschrift – eine Aussprachehilfe

Wir haben im Deutschen – wie in so vielen Sprachen – das Problem, dass es für einen Buchstaben in unserem Alphabet nicht nur einen einzigen entsprechenden Laut gibt. Aus diesem Grund funktioniert das Buchstabe-für-Buchstabe-Lesen nicht so gut. Vielleicht hast du deswegen schon mal nach dem phonetischen Alphabet der deutschen Sprache gesucht – der Deutschen Lautschrift. Sie basiert auf dem Internationalen Phonetischen Alphabet und kann uns helfen, die korrekte Aussprache von Wörtern ganz exakt2 aufzuschreiben und abzulesen.

Dazu muss man die Zeichen des phonetischen Alphabets allerdings erst einmal lernen. In Lautschrift geschrieben würde das Wort “Aussprache” zum Beispiel so aussehen: [ˈaʊsˌʃpʁaːxə]. Im Wörterbuch ist die Aussprache oft durch diese phonetischen Zeichen angegeben. Aber das für jedes Wort extra nachzuschlagen ist nicht besonders praktisch, oder? Stattdessen solltest du mal überprüfen, ob du mit den Grundregeln der deutschen Silbenstruktur vertraut bist. Die können dir schon enorm bei der Aussprache helfen!

Deutsche Wörter richtig aussprechen – die Silbenstruktur verstehen

Um wichtige Regeln der deutschen Aussprache zu verstehen, musst du die Silbenstruktur von Wörtern kennen. Aber was genau ist überhaupt eine Silbe? Eine Silbe ist eine Einheit aus Lauten, die zusammengehören und beim natürlichen Sprechen nicht getrennt werden können. Wenn du etwa das zusammengesetzte Wort “Kinderspielplatz” in Silben einteilen möchtest, sind es vier: Kin-der-spiel-platz. In Deutschland lernen wir im Kindergarten, Silben mit den Händen zu klatschen. Versuch doch mal, im Rhythmus der Silben in “Kinderspielplatz” viermal mitzuklatschen. Wie du vielleicht bemerkt hast, bilden die Silben ‘kin’ und ‘der’ kein eigenes Wort, “Spiel” und ‘Platz’ aber schon. Nicht jede Silbe ist ein Wort, wie bei ‘kin’ und ‘der’. Manche Wörter sind jedoch einsilbig, haben also nur eine Silbe – wie bei “Spiel” und “Platz”. Bei solchen einsilbigen Wörtern müssen wir nur einmal klatschen.

offene und geschlossene silben aussprechen

Ist dir aufgefallen, dass in jeder der Silben von “Kin-der-spiel-platz” ein Vokal zu finden ist? Vokale brauchen wir in jeder Silbe, daher werden sie auch “Silbenkern” genannt. (Du kennst dich mit deutschen Vokalen und Konsonanten gar nicht aus? Schau doch mal in diesem Artikel über Vokale vorbei). Bei ‘Spiel’ zum Beispiel haben wir ein langes ‘ie’ als Silbenkern. Vor dem vokalischen Silbenkern kann es am Anfang der Silbe noch “Anlaute” geben, das sind Konsonanten. Dasselbe gilt auch für das Ende der Silbe, hier nennen wir die Konsonanten “Auslaute”. Bei “Spiel” haben wir also ‘sp’ im Anlaut, ‘ie’ im Silbenkern und ‘l’ im Auslaut. Der Vokal im Silbenkern kann also von Konsonanten eingeschlossen werden. Und genau das gibt dir wertvolle Hinweise zur Aussprache!

Aussprache kurzer Vokale – Doppelkonsonanten

Wenn zwei gleiche Konsonanten, sogenannte Doppelkonsonanten, am Silbenende stehen, dann haben wir eine kurze Aussprache des Vokals im Silbenkern. Im einsilbigen Wort “Mann” [ˈman] zum Beispiel steht ein Doppel-n im Auslaut, das heißt, ‘a’ wird kurz gesprochen. Wie du in der Lautschrift sehen kannst, sprechen wir den Laut ‘n’ aber nicht doppelt aus, sondern nur einmal. Der Doppelkonsonant wird also nur geschrieben, um uns die kurze Aussprache des vorgehenden Vokals zu verraten. Das gilt auch, wenn der Laut ‘n’ als Doppelkonsonant zwischen zwei Silben steht. Im Plural “Männer” wird das ‘ä’ wegen des Doppel-n kurz gesprochen, und der Laut ‘n’ steht genau an der Silbengrenze, also am Ende der ersten und am Anfang der zweiten Silbe: Män-ner [ˈmɛnɐ].

So eine Doppelung gibt es übrigens für die meisten deutschen Konsonanten, Robbe, knuddeln, Affe, Flagge… Was du unbedingt wissen musst: Für Doppel-k und Doppel-z schreiben wir nicht ‘kk’ und ‘zz’, sondern ‘ck’ und ‘tz’, hier zwei Bespiele: Mücke [ˈmʏkə] und Mütze [ˈmʏ​t͡sə]. In beiden Wörtern haben wir laut unserer Regel eine kurze Aussprache des ‘ü’. Du weißt jetzt auch, warum du das ‘a’ in der letzten Silbe unseres Beispiels “Kinderspielplatz” kurz aussprechen musst.

Aussprache kurzer Vokale – zwei (oder mehr) unterschiedliche Konsonanten

Nicht nur bei Doppelkonsonanten wird der vorgehende Vokal kurz gesprochen, das ist auch oft bei zwei (oder mehr) unterschiedlichen Konsonanten am Silbenende der Fall. In den Wörtern “Welt” und “Kunst” zum Beispiel schließen die Auslaute ‘lt’ und ‘nst’ die Silben ab, die Aussprache der Vokale ist also kurz. Silben, die mit einem oder mehreren Auslauten enden, heißen übrigens auch “geschlossene Silben“. Du kannst dir vorstellen, dass die Vokale in geschlossenen Silben keinen Platz “zum Atmen” haben und ihre Aussprache deswegen nicht lang sein kann. Anders als oben mit der festen Regel bei Doppel-Konsonanten (z. B. ‘nn’) ist das bei zwei oder mehr unterschiedlichen Konsonanten aber nur eine Orientierungshilfe, keine Regel. Es gibt nämlich einige Ausnahmen: Zum Beispiel wird das ‘u’ in “Mund” kurz gesprochen, so wie wir es erwarten würden, das ‘o’ in “Mond” jedoch lang.

Aussprache langer Vokale – Markierung und offene Silben

Ganz sicher kannst du dir aber sein, wenn die Aussprache langer Vokale markiert wird. Das ist zum Beispiel bei der Silbe ‘spiel’ in “Kinderspielplatz” der Fall. Der Vokal ‘i’ wird durch ein ‘e’ gedehnt3, die Kombination ‘ie’ wird in betonten Silben immer lang gesprochen. Bestimmt kennst du auch das Dehnungs-h, das dir eine lange Aussprache des Vokals verrät, zum Beispiel das lange ‘a’ in “U-Bahn”. Manchmal werden Vokale auch doppelt geschrieben, wie in “See” oder “Beet”, da ist der Vokal dann auch auf jeden Fall lang!

Mit dem Wort “See” haben wir ein Beispiel für eine Silbe ohne Auslaut – nach dem langen ‘e’ steht kein Konsonant am Silbenende. Das nennt man eine “offene Silbe“. In offenen Silben werden Vokale meist lang gesprochen – du kannst es dir so vorstellen, dass sie genug Platz haben und nicht durch einen Konsonanten abgehackt4” werden. Das ist zum Beispiel bei “lesen” der Fall: le-sen, ein langes ‘e’ in der ersten betonten Silbe ‘le-‘, jedoch ein kurzes oder völlig reduziertes5 ‘e’ in der zweiten unbetonten Silbe ‘-sen’. Generell ist die Aussprache von Vokalen in betonten offenen Silben länger als in unbetonten. So ist das ‘i’ in “Kino” länger als das ‘o’! Mehr zur Betonung findest du weiter unten.

Konsonantencluster und Auslautverhärtung am Silben- und Wortende

Wir haben schon gesehen, dass wir in einer Silbe sowohl im Anlaut als auch im Auslaut Konsonanten auffinden können. Und im Deutschen können das ganz schön viele auf einmal sein – im Anlaut bis zu drei konsonantische Laute, im Auslaut bis zu fünf! Auch das macht die deutsche Aussprache für viele zu einer großen Herausforderung. Wenn mehrere Konsonanten aufeinanderfolgen, sprechen wir auch von einer Konsonantenfolge oder auch “Clustern”.

Wie sieht das dann aus? Konjugieren wir zum Beispiel das Verb “schrumpfen6” in der 2. Person Singular: du schrumpfst [ʃʁʊmp͡fst]. Weißt du, was der vokalische Silbenkern ist? Genau, das ‘u’ [ʊ]. Und im Anlaut und Auslaut? Achtung: Im Anlaut haben wir zwei Laute [ʃʁ ] – die drei Buchstaben ‘sch’ sind nur ein Laut: [ʃ]. Und im Auslaut haben wir gleich fünf Laute: [mp͡fst]! Solche Konsonantencluster findest du oft in Zungenbrechern, die dir dabei helfen können, die deutsche Aussprache zu üben.

deutsche aussprache auslautverhärtung

Auslautverhärtung: Wenn “Kind” als /kint/ gesprochen wird

Hast du schon mal vom Phänomen der “Auslautverhärtung” gehört? Deutsche Konsonanten lassen sich in stimmlose und stimmhafte einteilen – nur bei den stimmhaften vibrieren deine Stimmbänder7. Das spürst du zum Beispiel, wenn du dir beim Sprechen des stimmhaften ‘d’ an den Hals fasst. Beim stimmlosen ‘t’ aber wirst du keine Vibration spüren. Solche Konsonanten ohne Vibration nennen wir stimmlose oder auch “harte” Konsonanten. Du hast vielleicht schon mal bemerkt, dass sich die Aussprache des Buchstaben ‘d’ in “Kind” [ˈkɪ⁠nt] und “denn” [ˈdɛn] unterscheidet. Hier haben wir das Lautpaar t-d: Zwei verwandte Konsonanten, die sich durch ihre Stimmhaftigkeit unterscheiden.

Beim Phänomen der Auslautverhärtung sprechen wir alle Konsonanten im Auslaut, also am Silben- oder Wortende, “hart” aus – also stimmlos ohne Vibration der Stimmbänder. Das ist genau bei unserem Beispiel “Kind” [ˈkɪ⁠nt] der Fall! Statt eines stimmhaften ‘d’ sprechen wir ein stimmloses ‘t’. Das ist die Regel im Standarddeutschen – auch Hochdeutsch genannt (Du weißt nicht, was das ist? Schau dir mal unseren Artikel zu den deutschen Dialekten an). Bilden wir jedoch den Plural des Wortes “Kind”, haben wir eine neue Silbe: Kin-der, und das ‘d’ rückt an den Anfang der zweiten Silbe und wir sprechen das ‘d’ ganz “normal” stimmhaft als [d] aus! Das Phänomen der Auslautverhärtung gibt es auch in ein paar anderen Sprachen, zum Beispiel im Polnischen.

Betonung und Intonation – Der Akzent in Wörtern und Sätzen

Zur Aussprache gehören auch die Betonung und Intonation. Sie beschreiben den Rhythmus, mit dem wir Wörter und Sätze aussprechen. Wir setzen Laute zu Silben, Silben zu Wörtern und Wörter zu Sätzen zusammen. Auf Wortebene sprechen wir meist von Betonung oder auch Wortakzent. Betonte Silben werden im Deutschen stärker und etwas lauter artikuliert8 als die unbetonten Silben. Meist trägt der Stamm eines Wortes die Betonung, zum Beispiel lesen, Lesung, Leser. Manche Präfixe heben diese Regel aber auf und ziehen die Betonung auf sich: vorlesen. Das gilt auch für manche Suffixe, wie zum Beispiel -ieren: fotografieren. Bei der Aussprache von Fremdwörtern gibt es leider keine festen Regeln, so wird Student auf der zweiten Silbe betont, Studium auf der ersten. Bei der Betonung musst du also genau hinhören und sie dir einprägen9!

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Von Intonation sprechen wir meist auf Satzebene, auch Satzmelodie oder Satzakzent genannt. Es gibt drei grundlegende Melodien im Deutschen: 1) fallend 2) steigend und 3) gleichbleibend oder auch schwebend10 genannt. In normalen Aussagesätzen haben wir eine fallende Intonation zum Satzende hin↘. Du weißt bestimmt, dass unsere Tonhöhe in Fragesätzen steigt, oder↗? Dann gibt es noch die schwebende Satzmelodie. “Schwebend” bedeutet, ↔ dass die Tonhöhe beim Sprechen gleich bleibt, ↔ und zwar gleich hoch! Das ist meist bei Pausen im Sprechen und zwischen Haupt- und Nebensätzen der Fall.

15 Vokale?! Vokalisiertes ‘r’?! Übung macht den Meister!

Wenn du es bis hierher geschafft hast: Glückwunsch! Du weißt jetzt über die wichtigsten theoretischen Grundregeln der deutschen Aussprache Bescheid. Um aber nicht nur einzelne Wörter, sondern ganze Sätze fließend und bestenfalls wie ein Muttersprachler zu artikulieren, musst du vor allem eines: üben, üben, üben! Zuerst musst du deine Ohren trainieren, damit du die Besonderheiten der deutschen Aussprache und auch deine eigenen Fehler heraushören kannst. Neben Hörübungen brauchst du dann auch Sprechübungen. Tipps und Tricks findest du im Blogbeitrag Aussprache verbessern, aber auch im Aussprache-Crashkurs von DeinSprachcoach.

Der Aussprache-Crashkurs ist wie Sport für deine Mundmuskulatur – du kannst nämlich unter anderem die vielen verschiedenen Vokale im Deutschen trainieren, die in anderen Sprachen oft gar nicht existieren. Wusstest du, dass es im Deutschen etwa 15 Einzelvokale gibt, aber zum Beispiel im Spanischen nur fünf? Und dass das ‘r’ auch oft als Vokal [ɐ], also “vokalisiert” ausgesprochen wird, wie im Wort “Kinder” [ˈkɪndɐ]? Wenn du Probleme damit hast, dann sollest du unbedingt in Marias Aussprache-Crashkurs vorbeischauen. Sie ist Expertin für die deutsche Phonetik für Ausländer. Sie kann dir zeigen, wie du dir eine “deutsche Mundmuskulatur” antrainieren kannst! 🙂

Fragen & Antworten:

Warum ist die deutsche Aussprache so schwer?

Tatsächlich sind die vielen kurzen und langen Vokale und auch die Konsonantenfolgen eine große Herausforderung für Deutschlerner. Aber wenn du dich ein bisschen mit Silben auskennst, wird es schon viel einfacher!

Was gehört alles zur Aussprache?

Nicht nur die Aussprache von den Lauten in einzelnen Wörtern nennen wir “Aussprache”. Auch Betonung und Intonation gehören dazu. Das sind Rhythmus und Melodie, mit denen Wörter und Sätze ausgesprochen werden.

Warum sprechen wir Konsonanten am Wortende oft anders als wir sie schreiben?

Im Standarddeutschen werden alle Konsonanten am Silben- und Wortende “hart”, also stimmlos ausgesprochen. Deswegen sprechen wir zum Beispiel das Wort “Kind” als /Kint/ aus.

aussprache fragen

Wortschatz:

  1. transparent: hier: deutlich, einfach zu verstehen und nachzuvollziehen
  2. exakt: genau, deutlich, eindeutig
  3. dehnen: strecken, ziehen, länger oder breiter machen
  4. abhacken: abschlagen, abtrennen (mit einem scharfen Werkzeug)
  5. reduzieren: hier: in der Aussprache abschwächen
  6. schrumpfen: sich zusammenziehen und dadurch kleiner oder weniger werden
  7. Stimmband (das): Organ, das für die Stimmbildung zuständig ist
  8. artikulieren: hier: Laute, Silben, Wörter und Sätze aussprechen
  9. (sichDAT) einprägen: hier: sich merken
  10. schweben: durch die Luft, im Wasser o. Ä. gleiten, ohne zu Boden zu sinken


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Lisa

In Süddeutschland aufgewachsen, bin ich mit 22 nach Taiwan gezogen, um Deutschlehrerin und Übersetzerin zu werden. Ich brenne für Sprachen und Outdoor-Abenteuer.

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